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Ich, Sergeant Pepper

Niemand ist tot, solange jemand lebt, der an ihn denkt

»Patrick, komm«, rief meine Mutter, und ich folgte ihr hinauf in ihr Zimmer, wo sie die Platte auflegte. Der vorwärtstreibende Rhythmus packte mich, es war ein neues Gefühl, Fieberschüben ähnlich, und ich wusste, künftig würde alles anders sein.

 

Das, was ich da hörte, hatte nichts mit Al Martino oder Frank Sinatra gemein, die meine Mutter sonst immer spielte, und die sie regelmäßig zum Weinen brachten. Ich beneidete meine Mutter um ihr Englisch, das sie auf der Sekretärinnenschule gelernt hatte, nachdem mein Vater nicht mehr bei uns war, um für uns zu sorgen.

 

Ich war nicht einmal vier, als er starb. Ich vermisste ihn wegen meiner Mutter. Denn wenn sie sich Fotografien von ihm ansah, lächelte sie immer. Ich traute mich nicht zu fragen, warum sie sie immer so schnell versteckte, wenn sie bemerkte, dass ich sie dabei beobachtete.

Oft versuchte ich, sie zum Lachen zu bringen. Meistens fiel mir aber nicht ein, wie. Und jetzt schien mit dieser neuen Musik alles irgendwie besser zu werden. Sie setzte sich mit der Plattenhülle auf ihr großes Bett und sagte feierlich: »Das sind die Beatles.«

Sie sagte mir, wie jeder einzelne von ihnen hieß, und als sie den Namen John Lennon nannte, wurde ihre Stimme ganz sanft, und sie bekam diesen verklärten Blick, den sie sonst immer nur beim Betrachten der Fotografien meines Vaters hatte.

Ich musterte diesen John Lennon mit dem verschmitzten Blick hinter der runden Brille etwas genauer, und er war mir sympathisch. Ich stellte mir vor, wie er von der Plattenhülle herunterstieg und sich zu meiner Mutter setzte. Als Vater würde ich ihn sofort akzeptieren.

Bestimmt deutete ich deswegen auf Johns schilfgrünen Anzug. »So einen muss ich haben, unbedingt.«

Eine rote Kordel fasste Johns knielange Jacke ein, zierte den glänzenden Stoff an seiner Brust und verlief dann lose hängend zu den majestätisch wirkenden Schulterklappen. »Genau so einen.«

Als meine Mutter ihre langen, kastanienbraunen Haare zurückwarf, sah ich, dass sie in einer anderen Welt schwelgte. Ich nahm die Plattenhülle und stürmte damit zu Oa, die in der Küche Pflaumenmus einkochte.

Oa war meine Großmutter. Oa war das erste Wort, das ich sprechen konnte, seitdem nannte ich sie so.

Ich wiederholte meinen Wunsch. Oa wischte sich über ihr vom Kochdunst schwitzendes Gesicht und sagte: »Wenn du dich vor aller Welt zum Deppen machen willst.«

 

Wie ich meine Oa liebte.

 

Als Oa am nächsten Nachmittag, vorne an der Allee in den Bus stieg, um wegen ihrer immer schlimmer werdenden Rückenschmerzen zum Arzt zu fahren, flitzte ich nach oben in das Zimmer meiner Mutter, nahm die Plattenhülle, ging damit ins Bad hinüber und klemmte sie zwischen der Wand und dem Wasserhahn am Waschbecken fest.

 

Im Spiegel betrachtete ich meine dunklen Haare, drehte den Kopf nach allen Seiten und schielte dabei immer wieder auf den Kopf von John Lennon. Ich verwischte meinen Seitenscheitel, kämmte die Haare in die Stirn und fing an mit einer spitzen Schere so lange daran herumzuschnippeln, bis sie mir alle gleich lang erschienen.

 

Es störte mich, dass sie an den Ohren zu kurz waren. Durch mein Zupfen wurden sie aber auch nicht länger. Ich würde Geduld haben müssen.

Aus dem Drahtkleiderbügel, der an einem Haken hing, versuchte ich, im Schuppen hinter dem Haus, mit einer Zange eine Nickelbrille zurechtzubiegen. Der Draht war zu steif. Ich gab erst auf, als ich mir einen Finger blutig gerissen hatte. Da entdeckte ich eine mit Draht umwickelte Spindel. Und ich hatte Glück. Dieser Draht war um einiges dünner und ließ sich so formen, wie ich es mir vorstellte.

Zurück im Haus setzte ich das Gestell auf. Der Draht drückte zwar hinter den Ohren, aber ich würde mich mit der Zeit daran gewöhnen, da war ich mir absolut sicher. Je länger ich mich im Spiegel betrachtete, um so mehr Ähnlichkeit entdeckte ich zwischen mir und John Lennon. Und wenn ich erst einen Schnauzer haben würde …

Als Oa zurückkam, geriet sie wegen meinem Haarschnitt völlig außer sich. Ich guckte ganz entsetzt, als sie sagte, ich müsse noch einige Jahre warten, bis bei mir der Bart sprießen würde.

 

An meinem zehnten Geburtstag, im Oktober, packte ich eine seidig glänzende und mit Schulterklappen versehene Jacke aus und fiel Oa stürmisch um den Hals.

»Für die Hose blieb keine Zeit mehr«, sagte sie.

Wichtiger war mir sowieso, dass ich mich bei Oa und meiner Mutter durchsetzen konnte und meine Haare um die Ohren nun etwas voller tragen durfte.

Opa Neumann sagte dazu, meine Mutter würde mir zu viel durchgehen lassen. Ich hatte Glück, dass sie nicht auf ihn hörte. Zwischen den beiden stimmte die Chemie sowieso nicht besonders, hatte Oa einmal gesagt. Und das war manchmal auch zu spüren. Bestimmt besuchten uns Opa und Oma Neumann deswegen so selten. An Geburtstagen und zu Weihnachten. Ansonsten trafen wir die beiden immer sonntags nach der Messe am Grab meines Vaters. Da war etwas mit seinem Herz gewesen, von Geburt an, wusste ich von Oa.

Wenn ich an meinen Vater denke, sehe ich ihn auf dem Bauch liegend, wie er eine Kante des sandfarbenen Wohnzimmerteppichs umschlug, auf dieser Erhebung meine Plastikindianer aufstellte, wie einer von ihnen in seiner Hand lautlos angeschlichen kam. Ich tat immer so, als würde ich ein Plastikpferd zähmen. Dabei lauerte ich nur darauf, dass der Indianer mich gefangen nahm. Ich wehrte mich nie, wenn Vater den Indianer losließ, mich packte, hochwarf und wieder auffing. Je lauter ich juchzte, umso häufiger ließ Vater mich fliegen. So lange, bis wir beide völlig außer Atem auf der Couch lagen.

 

»Was willst du denn mal werden?«, riss Opa Neumann mich aus meinen Gedanken.

»Astronaut«, sagte ich ganz spontan. Die kannte ich aus dem Fernsehen.

 

Weltraumflüge waren sehr populär. Opa Neumann nickte schmunzelnd.

Das hätte er sicher nicht getan, wenn ich gesagt hätte, dass ich Beatsänger werden wollte. Die Erwachsenen bezweifelten, dass der Einfluss dieser sogenannten Hippies gut für die Jugend sei, seitdem John Lennon behauptet hatte, er und die Beatles seien populärer als Jesus. Davon hatte ich auf dem Pausenhof gehört. Von den älteren Jungs. Über die ärgerte ich mich, wenn sie so arrogant taten, als würden sie John Lennon und die anderen drei persönlich kennen.

 

Eines Morgens fiel mir das Mädchen mit den langen, blonden Haaren aus der Parallelklasse auf. Julia! Auf dem Pausenhof hörte ich des Öfteren jemanden sie so rufen. Sie saß im Innenhof des Schulgeländes bei einer Lärche alleine auf der Bank, vertieft in eine Bravo.

Ich hievte mein Rad in einen Ständer, kettete es an und ging zu ihr hinüber.

»Darf ich mitgucken?«, fragte ich ohne lange zu überlegen.

Sie sah mich an und sagte: »Ach, du.«

Es klang, als ob wir uns kennen würden, andererseits war ich mir nicht sicher, ob das nun eine Aufforderung zum Hinsetzen war oder ob ich verschwinden sollte.

Sie strich sich mit einer fahrigen Bewegung die Haare hinter das Ohr, die dort nicht bleiben wollten, grinste und sagte: »Super, dass du deine Haare wie er trägst.« Sie hielt mir das ausklappbare Poster in Heftmitte von Paul McCartney hin. »Letzte Woche hat er Linda geheiratet«, sagte sie seufzend.

»Mach dir nichts draus«, sagte ich. »Wenn du willst, heirate ich dich später.«

»Aber nur, wenn du einmal so berühmt wirst wie er.«

 

Sie sprang auf und eilte auf das Schulgebäude zu. Und ich lief ihr hinterher.

 

Von nun an wartete ich jeden Morgen im Schulhof auf Julia. Am meisten fieberte ich dem Donnerstag entgegen. Da erschien die neue Bravo. Julia kaufte sie am Bahnhofskiosk, wo sie auf den Bus wartete. Endlich kam der den Schulberg heraufgeschnauft.

»Seit wann kennst du die?«, wollte Willi wissen, der vom ersten Schultag an neben mir saß. »Sie hat immer alle News über die Beatles«, sagte ich voller Stolz, mal wieder eines der aufgeschnappten Englischwörter anbringen zu können.

In letzter Zeit ging es meist um Johns neue Flamme Yoko Ono und deren angespanntes Verhältnis zu den anderen dreien. Neugierig war ich auch immer auf die Platzierungen der Songs der Beatles in den Lesercharts. Dass Scott McKenzie sie mit San Francisco von der Spitze verdrängte, vermieste mir den ganzen Tag.

 

Sobald die Schulglocke schrillte, ließ Julia die Bravo in ihrer Büchertasche verschwinden. Sie wollte vermeiden, dass der Hofer sie damit erwischte und das Heft einkassierte. Der teiggesichtige, fast haarlose Lehrer versuchte vergeblich, uns im Musikunterricht die Genialität von Beethoven, Händel, Bach und Mozart näher zu bringen.

Dann passierte es doch. Der Lehrer Hofer lauerte Julia und mir bei der Lärche im Innenhof auf.

Während er sich über den angeblich jugendgefährdenten Schund aufregte, ließ Julia das Heft einfach nicht los, und ich musste mit ansehen, wie in dem vierhändigen Gezerre Johns Gesicht auf dem Titelbild zerfetzt wurde.

»Herr Hofer, Sie greifen in meine Persönlichkeitsrechte ein«, sagte Julia bestimmt.

Der Lehrer ließ sie stehen und verschwand im Schulgebäude.

»Die traut sich was«, wisperte Willi mir zu, als er näher gekommen war.

Von da an begleitete ich Julia jeden Morgen zu ihrem Klassenzimmer. Ich war mächtig stolz auf sie, dass sie so mutige Sachen sagte. Jeder sollte sehen, dass sie meine Freundin war. Mir egal, dass die anderen Mädchen darüber blöd kicherten, meine Kameraden mich damit aufzogen. Es dauerte eine Zeit, bis ich begriff, was sie mit den beiden Wespenstichen meinten, die ich mir von Julia zeigen lassen sollte.