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Das Gewicht von Nähe

Die Bar hat Stil. Alles ist in mattes Gold getaucht. Die Art-Deko-Malereien strahlen Eleganz und Intimität aus. In den mit Moleskin eingefassten Rundbogenregalen glänzen so viele Flaschen, dass Ben den schmächtigen Barkeeper im engen, bernsteinfarbenen Hemd, auch den einzigen Gast, eine Frau mit rostbraunen Haaren, zunächst überhaupt nicht wahrnimmt. Die beiden unterhalten sich.

 

Ben nimmt auf einem der verchromten Hocker Platz. Als der Barkeeper sich ihm zuwendet, bestellt er sich einen Cognac, dreht sich dabei etwas weg von der Frau, um ja nicht in Smalltalk verwickelt zu werden.

In seiner Sakkotasche vibriert das Handy. Eine SMS. Sein Sohn. Dad, liege flach, weiß nicht, ob X-mas mit dir und den Os klappt, melde dich, wenn du dort bist – C. Der nächste Tiefschlag. Weihnachts-Besuch bei seinen Eltern ohne Chris. Schlimme Aussichten. Kaum vorstellbar, dass Chris auf die Schnelle gesund wird.

 

Ben lässt sein Handy wieder verschwinden. Der Barkeeper stellt das Glas mit dem Cognac vor ihn, daneben eine Schale mit Erdnüssen. Hunger. Endlich. Ben stopft sich eine Handvoll Nüsse in den Mund. Noch kauend, greift er ein weiteres Mal in die Schale. Als er den Kopf hebt, sieht er die Frau. Sie hat ihn genau im Blick. Ihre Mundwinkel heben sich, sie lächelt, auch ihre grünbraunen, warmen Augen blicken freundlich. Sie ist nicht mehr ganz jung. Attraktiv. An irgendjemand erinnert sie ihn.

Mit einem Seitenblick auf den Barkeeper, der Nachrichten auf seinem Smartphone hin- und herschiebt, spricht sie Ben an: „Ich muss Sie bewundern. Ich könnte mich nie überwinden, von so etwas zu essen.“

Die Klangfarbe ihrer Stimme – ihr Akzent, fast wie ein Lispeln – angenehm. Sie muss Skandinavierin sein. Für Frauen aus dem Norden hatte er schon immer eine Schwäche. In den Siebzigern, als er mit seinem Kumpel Martin Schweden erkundete, hätte er sich so gerne in eine Schwedin verliebt.

 „Erdnüsse? Warum nicht? Die sehen in Ordnung aus“, erwidert Ben mit einem prüfenden Blick auf die Schale vor sich.

„Das ist wie mit den Haltestangen in der U-Bahn“, sagt die Frau leise. Es klingt verschwörerisch. „Man weiß nie, welche Bakterien daran haften. Deswegen benutze ich grundsätzlich keine öffentlichen Verkehrsmittel.“

„Und was ist mit den Griffen an den Einkaufswägen?“

„Seien Sie bloß still, sonst …“

„… gehen Sie nie wieder einkaufen.“

 

Sie lässt ein leises Lachen hören. Faszinierend. Obwohl das Gespräch doch ziemlich absurd ist. Ihre Augenlider flattern, ihre Verlegenheit gefällt ihm. Es macht sie sympathisch, sie wirkt fast jugendlich in diesem Moment.

„Bestimmt denken Sie jetzt, wie töricht ich bin.“ Sie nippt an ihrem Weißweinglas.

„Ganz bestimmt nicht.“

Sie streicht das rostbraune Haar über dem Ohr zurück, in Wellen fällt es wieder nach vorne. Er muss sich zwingen, seinen Blick abzuwenden, konzentriert sich auf die warme Farbe des Cognacs in seinem Glas, auf die öligen Tropfen, die nach dem Schwenken wie Tränen langsam an der Glaswand herablaufen.

Die Frau ist eindeutig älter. An die zehn Jahre. Ach was, sie ist noch keine Sechzig. Obwohl? Verstohlen schielt er auf ihre Hand, die neben ihrem Glas auf der Theke liegt. Schmal, zierlich, sehr gepflegt, schöne Farbe des Nagellacks, dezentes cremefarben. Nur wenige Pigmentmale auf der Haut.

„Sie mögen Musik?“

Wieder dieses Wohlgefühl beim Klang ihrer Stimme. Ihm wird bewusst, dass er mit seinen Fingern den Rhythmus der Melodie begleitet, die von oben herunter dringt. Say it right von Nelly Furtado. Offensichtlich ist die Firmen-Weihnachtsparty im vollen Gange.

„Wenn sie gut ist.“ Er lächelt sie an. „Ohne Musik – das geht gar nicht. Könnten Sie denn ohne Musik leben?“

Sie zögert, überlegt, schließlich antwortet sie, mit veränderter Stimme: „Musik weckt Erinnerungen …“

„Das ist doch das Gute daran“, unterbricht er sie.

„Dann müssen Sie ein glücklicher Mensch sein.“

Schade, er hat sie in melancholische Stimmung versetzt. Das muss er wieder gutmachen. Er steht auf, geht einen Schritt auf sie zu. „Wollen Sie mit mir tanzen?“

„Was?“ Sie blickt ihn mit großen Augen an. Als er bemerkt, dass sie etwas rot wird, fühlt er sich umso mehr hingezogen zu ihr.

„Kommen Sie, trauen Sie sich“, sagt er und streckt ihr eine Hand entgegen. „Wir sind so gut wie unter uns.“

Wieder lässt sie ihr wohlklingendes leises Lachen hören, neigt den Kopf, fährt sich durch die Haare, mustert ihn unter ihren langen Wimpern fast mädchenhaft schüchtern, setzt zum Sprechen an, unterlässt es aber, denn genau in diesem Moment klingelt in ihrer schmalen Handtasche neben dem Weinglas ihr Handy. Sie holt es heraus, klappt das Leder-Etui auf, entschuldigt sich, verschwindet in Richtung Toiletten.

Wie schade. Hätte sie vielleicht doch ja gesagt? Er greift nach seinem Cognacglas und leert es in einem Zug. Was für eine reizvolle Frau. Aber da ist auch ein warnendes Gefühl in seinem Bauch. Warum sitzt sie hier so alleine? Das riecht fast nach Problemen. Er sollte einfach seinen Cognac bezahlen, ihr ein schönes Weihnachtsfest wünschen und sich verabschieden.

Sie kehrt zurück, tut so, als sei er gar nicht anwesend. Ein kleines Spiel? Sie nimmt Schal und Mantel vom Hocker neben sich. Beides teuer und exklusiv. Ben arbeitet schon zu lange in der Modebranche, um nicht einen echten Kamelhaarmantel zu erkennen.

Er geht zu ihr, hilft ihr hinein. Sie lässt es zu. Wie zierlich sie ist. Ihr Parfüm. Er kennt den Duft nicht, atmet ihn unauffällig tief ein.

„Vielen Dank. Es war wirklich interessant, mit Ihnen zu plaudern“, verabschiedet sie sich freundlich, aber irgendwie bedrückt. Offenbar hat das Telefonat sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Ben merkt ihr an, dass sie versucht, es ihn nicht spüren zu lassen. Sie nickt dem Barmann zu, der entgegnet ihr mit einem „Okay“.

Irritierend. Kennen die beiden sich besser?

So schnell will er sich nicht abschütteln lassen, ganz lässig fragt er: „Darf ich Sie irgendwo hinfahren? Mein Wagen steht nicht weit von hier.“ Ihr erstaunter Blick nötigt ihm eine Erklärung ab. „U-Bahn und Tram kommen für Sie ja wegen der kontaminierten Haltegriffe nicht in Frage.“ Er zieht dazu die Augenbrauen hoch.

Wieder dieses wohltönende Lachen.

„So gefallen Sie mir.“ Er nimmt seine Brieftasche, sucht eine Visitenkarte, überreicht sie ihr. „Wenn Sie wieder einmal Lust zum Plaudern haben.“

Sie liest die Karte, dann reicht sie ihm die Hand.

„Benjamin.“ Mehr sagt sie nicht.

Die Wärme, mit der sie seinen Namen ausspricht, fühlt sich fast an wie ein Streicheln über seine Wange. „Ben“, verbessert er sie und beobachtet mit einem Lächeln, wie sie vor ihm grazil die Hotellobby durchquert und in Richtung Treppenhaus verlässt.

Derjenige, der sie versetzt hat, ist ein Schwachkopf, denkt er.

 

*

 

Fünf Monate später

 

Sie überrascht ihn mit selbstgebackenen Zimtschnecken zum Kaffee. Das erinnert ihn an jenen Sommer, als er mit Martin im VW-Bus durch Schweden stromerte. Er erzählt Nina davon, und sie ist erstaunt, wie gut er sich nach so langer Zeit noch an Stockholm erinnert. Er vergisst auch nicht zu erwähnen, dass sie damals auf dem Musikfestival Caro begegneten.

„Du lernst die beiden sicher kennen. Spätestens im Sommer, auf einer Gartenparty bei Heike und Hubert.“

Nina blickt ihn verwundert an.

„Heike gestaltet sicher bald die Einladungskarten. Sie macht das immer ganz toll.“ Ben nimmt eine weitere Zimtschnecke: „Sie freut sich schon, dich kennenzulernen.“

„Du erzählst dieser Heike von mir?“

„Ja klar. Von uns.“

Sie lächelt gezwungen, schiebt ihre Lippen leicht nach unten. Ihre Augen bleiben ernst.

„Für dich scheint immer alles so leicht.“

Was genau könnte sie damit meinen?

„Täusch dich da mal nicht.“

Er hätte das Gespräch gerne vertieft, doch plötzlich steht Nina auf, räumt den Tisch ab, und fordert ihn auf mit ihr zum See zu gehen.

 

Unten am Bootssteg plätschern die Wellen um die Pfähle. Das Glitzern der Sonne auf der Wasseroberfläche blendet. Ben schließt die Augen, konzentriert sich auf die Geräusche. Als Nina den Kopf an seine Schulter legt, nimmt er sie in den Arm und erzählt von seinem Erfolg beim Schreibwettbewerb.

„Toll.“

Das klingt wenig begeistert.

„Seit September bewerbe ich mich mit meinem Roman, und ich frage mich die ganze Zeit, warum ich so gar nichts von den Verlagen höre.“

„Denkst du, es stimmt etwas nicht mit dem Text?“

„Weiß nicht …Würdest du ihn lesen?“ Er drückt Ninas Hand. „Du hast schon so viele Drehbücher gelesen …“

„Du meinst, weil ich früher Drehbücher gelesen habe, kann ich deine Arbeit beurteilen?“

Warum muss er das jetzt mit ihr diskutieren? Ein einfaches Ja würde ihm genügen. Neulich hat sie doch auch seine Kurzgeschichten gelesen.

„Deine Meinung wäre mir wichtig.“

„Ich glaube, ich kann das nicht. Versteh das bitte.“

 

Sie sieht ihn für einen kurzen Moment an, dann senkt sie den Blick auf das Wasser. „Immer, wenn ich einen umfangreichen Text lese, falle ich in ein Loch. Es macht mich so unendlich traurig, weil ich dieser einen Person, der ich beim Lesen meine Zuneigung geschenkt habe, nie mehr wiederbegegnen werde. Mit der Geschichte ist auch deren Leben zu Ende. Und sobald ich den Buchdeckel endgültig zuschlage, überkommt mich das Gefühl, ich habe diese Person auf dem Gewissen.“

 

Erwartet sie darauf wirklich eine Antwort?

„Weißt du“, fährt Nina mit leiser Stimme fort, „ich würde mir auch wieder vorstellen, wie es wäre, diese weibliche Figur, die es doch wohl in deinem Text gibt, zu spielen, wie ich mich ihrem Charakter annähern könnte. Ich habe keine Lust, wieder ganze Nächte wach zu liegen und mir Gedanken zu machen. Es ist wie Gift, verstehst du? So ähnlich muss sich jemand fühlen, der ein Problem mit Alkohol hat. Ich brauche keinen Rückfall.“ Sie kichert. „Wenn du dein Gesicht sehen könntest.“

Er täuscht vor, sich an der Nase kratzen so müssen und lässt ihre Hand los. Welche Erwartungen hat sie bloß an ihn?

Egal, worüber er mit ihr reden will, entweder sie blockt ab oder sie kommen auf sie selbst zu sprechen, auf eine Begebenheit aus der Zeit ihrer großen Karriere, in der sie sich ungerecht behandelt fühlte. Sich als Opfer zu inszenieren, fällt ihr am leichtesten. Ihre Egozentrik nervt.

Es beeindruckt ihn nicht, wie sie sich die gewellten, rotbraunen Haare aus dem Gesicht schiebt, und dass sie mit einem derart theatralischen Blick zu ihm aufschaut – es langweilt ihn plötzlich. Ihre langen Wimpern klappen auf und zu, und je länger sie ihn so ansieht, umso mehr spürt er doch ein heftiges Verlangen. Er kommt sich so manipuliert vor, ärgert sich. Sie nicht zu küssen, fällt ihm schwer.

  

Im Haus weicht er ihr aus, und geht nach oben. Das Buch von Siri Hustvedt fällt ihm ein, dass er ihr per Kurier hat bringen lassen, als sie krank war. Nie hat sie nur ein Wort darüber verloren. Nachdem, was sie vorhin von sich gegeben hat, dürfte sie es nicht gelesen haben, und es auch nie tun.

Er hört Nina auf der Treppe, bemerkt im Augenwinkel ihren Schatten in der Tür, und im nächsten Moment ist sie bei ihm. Sie packt ihn von hinten, er verliert das Gleichgewicht, fällt mit ihr zu Boden, und sie begräbt ihn unter sich. Sie zerrt hitzig an seiner Gürtelschnalle, an den Knöpfen seiner Jeans. Er packt ihre Hände, umklammert ihre Handgelenke, erstaunlich, wie kraftvoll ihr Gegendruck ist, wie heftig sie sich wehrt. Es gelingt ihm nicht, sie wegzustoßen, sie beißt in seinen Oberarm, immer fester. Er schreit auf vor Schmerz und schlägt zu, erst dann lässt sie sich seitlich auf den Boden fallen, krabbelt auf allen Vieren zur Tür. Dort sieht sie sich um. Er kauert am Boden und reibt sich den Oberarm. Zwischen seinen Fingern entdeckt er den blutigen Abdruck ihrer Zähne, dort wo das Bündchen seines Poloshirts endet. Sie hat ihn erbeutet, ihn tätowiert, denkt er. Nina scheint ein Lachen zu unterdrücken. Rasch kommt sie auf die Beine, huscht hinüber ins Bad und schließt sich ein.

Was war das eben? Hin und her gerissen in seinen Gefühlen steht auch er auf, geht vorbei am Bad und nach unten. Er starrt in den Garten, so, als ob er dort eine liebevolle Erinnerung finden könnte, die ihn mit Nina verbindet, die ihm dabei helfen könnte, seine Anwesenheit in diesem Haus zu rechtfertigen.

Das Kennenlernen in der Bar. Der erste Abend hier im Haus. Das gemeinsame Wochenende danach. Viel mehr gibt es nicht. Hoffnungen. Ideen. Seine Ideen. Sie werden sich nicht erfüllen, nicht umsetzen lassen. Fragmente der Melodien, die sie ihm neulich vorgespielt hat, erfassen ihn und berühren ihn.

Immerhin etwas.

Dass sie sich immer noch im Bad eingeschlossen hat, ist wie ein Stich ins Herz. Damit macht sie alles noch schlimmer. Für was bestraft sie ihn? Wie erschreckend ihr furienhafter Auftritt. Mit ihren unberechenbaren Ausbrüchen kann er überhaupt nicht umgehen. Sind es Spiele? Ist es etwas Tieferes? Könnte eine Aussprache etwas bringen? Würde sie ihm zuhören? Ihn verstehen?

Die CD fällt ihm ein, die er ihr geschenkt hat. Sie haben sie nie zusammen gehört. Er sucht in den Regalen ihrer Sammlung nach der Hülle, entdeckt sie nicht. Er geht nach unten, findet sie weder in ihrem Fitnessraum, noch in ihrem Büro, die Scheibe befindet sich in keinem der Abspielgeräte. Hat sie die CD so in den Müll geworfen wie Figullas Rosen?

Zermürbt und müde verlässt er das Haus.

  

Wie enttäuschend, er fährt weg. Hat sich überhaupt nicht die Mühe gemacht, nach ihr zu fragen. Vielleicht ist es besser so. Jetzt mit ihm reden, könnte sie sowieso nicht. Was ist es, was sie an ihm stört? Dass er nicht spontan genug ist? Ihm das Spielerische fehlt? Dass er ihr schlicht und einfach unterlegen ist?

Diese Ohrfeige – geschlagen hat sie noch nie einer. Was stimmt nicht bei ihm? Sie wird es herausfinden.

 

Unterwegs kauft er in einer Apotheke ein Spray zum Desinfizieren. Hoffentlich bleibt keine Narbe zurück. Sobald er den Arm bewegt, ihn hebt oder abwinkelt, durchschießt ihn ein unangenehmer Schmerz. Wie demütigend. Beim Zähneputzen weicht er seinem eigenen Blick im Spiegel aus. Auf Rasieren verzichtet er. Wie in Trance schleicht er durch die Wohnung, kauert vor seinem Laptop, bringt nicht einen vernünftigen Satz zustande.

Nina meldet sich nicht. Er ruft Heike an, erklärt ihr, er fühle sich krank, brauche einige Tage. Dann wirft er Kleidungsstücke in seinen Trolley und verlässt die Wohnung. Seine Mutter wird sich freuen, ihn früher zu sehen. Freitag hätte er ohnehin Chris holen wollen.